Gedanken zum Thema “Eigenverantwortung und Schuldzuweisung”

Eine persönliche Reflexion von Andrea

Rückblick

Wenn ich auf das nun fast vergangene Jahr zurückblicke, spüre ich, dass das Thema Verantwortung für viele – und auch für mich selbst – eine besondere Bedeutung gewonnen hat.
Verantwortung zu übernehmen heißt, sich selbst ernst zu nehmen. Es bedeutet, die Folgen der eigenen Entscheidungen und Handlungen anzuerkennen, anstatt sie anderen zuzuschieben. Es bedeutet, bewusst zu wählen, sich einzubringen, zu gestalten – und bereit zu sein, die Konsequenzen zu tragen.

Doch Verantwortung ist weit mehr als das Erfüllen äußerer Pflichten. Sie ist eine Haltung dem Leben gegenüber. Eine Einladung, sich selbst als Schöpfer*in des eigenen Weges zu begreifen – statt als Opfer der Umstände.

Verantwortung auf verschiedenen Ebenen

Im äußeren, alltäglichen Leben scheint Verantwortung selbstverständlich: Wir kümmern uns um Familie, Beruf, Finanzen, führen Fahrzeuge, treffen Entscheidungen, tragen Sorge für andere. All das sind Formen gelebter Verantwortung.

Und dennoch spüre ich, dass es darunter eine tiefere Schicht gibt – eine Ebene, auf der ich mit den „Augen meiner Seele“ auf mein Leben blicke.

Diese Ebene fragt mich nicht, ob ich meine Pflichten erfülle, sondern ob ich meiner inneren Wahrheit gerecht werde.

Bin ich wirklich auf dem Weg meiner Seele? Oder folge ich Erwartungen, Rollen und Mustern, die man mir zugeschrieben hat?

An dieser Stelle berührt mich ein Zitat von Rumi immer wieder tief:

Du hast eine Aufgabe zu erfüllen. Du magst tun, was du willst, magst hunderte von Plänen verwirklichen, magst ohne Unterbrechung tätig sein – wenn du aber diese eine Aufgabe nicht erfüllst, wird all deine Zeit vergeudet sein.
— Rumi

Dieses Zitat erinnert mich daran, dass Verantwortung nicht nur bedeutet, äußere Pflichten zu erfüllen, sondern vor allem, der inneren Stimme treu zu bleiben – jener Aufgabe, die nur meine Seele kennt.

Wenn Verantwortung verweigert wird

Ich habe erkannt, dass der Moment, in dem ich Verantwortung ablehne, auch der Moment ist, in dem ich meine Kraft nach außen abgebe. Dann erkläre ich andere für schuldig:
Meine Eltern sind schuld, dass ich es schwer hatte. Mein Lehrer ist schuld, dass ich nicht erfolgreich war. Das System, die Politik, das Wetter, mein Partner – irgendjemand ist immer schuld.

Doch in Wahrheit mache ich mich damit selbst klein. Ich werde zum Opfer meines Lebens, unfähig zu handeln, weil ich glaube, die Macht liege außerhalb von mir. Diese Haltung engt den Blick ein, bis ich nur noch das sehe, was meine Opferrolle bestätigt. Ich ziehe das an, was ich aussende – und bleibe gefangen in der eigenen Geschichte von Ohnmacht.

Die Rückkehr der Kraft

Der Augenblick, in dem ich die Verantwortung wieder zu mir zurückhole, ist ein Moment tiefen Aufatmens. Es ist, als würde ich meine eigene Lebensenergie zurückrufen. Plötzlich spüre ich: Ich kann gestalten. Ich darf verändern. Ich bin nicht ausgeliefert.

Eigenverantwortung ist keine Bürde – sie ist Befreiung.
Sie macht mich handlungsfähig und lebendig. Sie öffnet Räume, in denen Entwicklung möglich wird.

Natürlich ist es bequemer, in der Haltung der Schuldzuweisung zu bleiben. Solange jemand anderes verantwortlich ist, muss ich selbst nichts tun. Ich kann mich ausruhen in der Rolle des Opfers. Aber der Preis dafür ist hoch: Mein Leben bleibt starr, unbewegt, eng. Ich verhindere Wachstum – und verweigere mich letztlich dem eigenen Sein.

Eine persönliche Erfahrung

Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ich zutiefst erkannte, dass Schuldzuweisung ein Verrat am eigenen Leben ist. Diese Erkenntnis traf mich wie ein Schlag. Ich war untröstlich – und zugleich unendlich traurig über das, was ich „ungelebt“ gelassen hatte.

Doch in diesem Schmerz lag auch ein Geschenk: Ich begann zu begreifen, dass Verantwortung nicht Last, sondern Liebe ist: Liebe zu mir selbst, zu meinem Weg, zu dem, was durch mich ins Leben kommen will.
Seitdem spüre ich, dass mit jedem Schritt der Eigenverantwortung ein leiser Satz in mir mitschwingt:

Ich werde es schaffen.

Ich kann etwas bewegen.

Ich bin geführt!“

Mut zur Ehrlichkeit

Wir alle sind – wenn wir ehrlich sind – geübte Meister im Jammern, im Projizieren, im Ausweichen. Doch als Erwachsene haben wir die Freiheit, eine Entscheidung zu treffen, die alles verändern kann:
Die Entscheidung, uns selbst anzuschauen.
Die Entscheidung, Verantwortung zu übernehmen – nicht aus Pflicht, sondern aus Liebe zum Leben.

Es braucht Mut, sich selbst zu entlarven, die Masken fallen zu lassen, die uns von unserer wahren Kraft trennen. Doch genau dort, in dieser ehrlichen Begegnung mit uns selbst, beginnt Freiheit.

Schuldzuweisung führt uns nicht in Freude oder Frieden. Sie raubt uns Selbstwirksamkeit, Selbstachtung und Kreativität.
Verantwortung hingegen führt uns nach Hause – zu uns selbst.

Schlussgedanke

Ich möchte jeden von Herzen ermutigen, diesen Weg zu gehen. Es ist kein leichter Weg, aber ein wahrhaftiger.
Wer bereit ist, die Verantwortung für sein Leben anzunehmen, findet inneren Frieden – und trägt zugleich zu mehr Frieden auf dieser Erde bei.

Denn jeder einzelne von uns ist ein Teil des Ganzen.
Und Verantwortung – in ihrer tiefsten Form – ist nichts anderes als ein Akt der Liebe.



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Foto: canva.com

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